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Bookdump 05/2020

Foto vom Buchregal

Bücher, die ich in 2020 seit meinem letzten Bookdump gelesen habe:

  • Die Möglichkeit einer Insel, von Michel Houellebecq. Dieses Buch spielt in 443 Seiten mit zwei unterschiedlichen Zeitebenen. Einmal ca. im Jahr ~2000 in der ersten Generation (Daniel1), und einmal rund um das Jahr 4000 in der 24. und 25. Generation des Protagonisten Daniel (Daniel24 bzw. Daniel25). Ein Science-Fiction-Roman rund um Neo-Menschen, Elohimiten, Klonen von Menschen, Glück, Sex, Einsamkeit, Klimakatastrophe und den Umgang mit alten Menschen. Für mich das bisher schwächste Buch das ich von Houellebecq gelesen habe. Mir war es zu schwätzerisch, plattitüdisch-seicht und resignatorisch, ich musste mich leider immer wieder zwingen, es bis zum Ende durchzuhalten.
  • The Great Nowitzki, von Thomas Pletzinger. Pletzinger hat 7 Jahre an der Seite des Basketball-Stars Dirk Nowitzki (Stichwort 41.21.1) verbracht, und das Resultat bekommt man auf 502 Seiten serviert. Für diesen Umfang erfährt man vergleichsweise wenig über Dirk Nowitzki, umso spannender fand ich aber die Ausführungen zu Holger Geschwindner, dem Trainer und Mentor von Nowitzki, mit interessanten Trainingsmethoden und einer ganz eigenen Philosophie. Was auch gut herausgearbeitet wird ist der Ehrgeiz, Wille und Durchhaltevermögen, mit dem Nowitzki seine Karriere bestritten hat, und trotzdem ein bodenständiger Mensch geblieben zu sein scheint. Der Schreibstil hat stellenweise etwas romanartiges, und besonders ab der Hälfte musste ich mich ein wenig durch den (Nicht-)Inhalt plagen. Im letzten Viertel – um in der Sprache des Basketball zu bleiben – nimmt das Spiel wieder an Spannung und Fahrt auf, die Rechtschreib- bzw. Grammatikfehler nehmen gleichzeitig auch zu. Das Buch liest sich aber flüssig und schnell, und man erfährt nebenbei ein wenig zum Kosmos NBA und Basketball.
  • Das wundersame in der Unwirtlichkeit, von Marlene Streeruwitz. Auf 123 Seiten kann man die Vorlesungen, die im Rahmen der Paderborner Gastdozentur für Schriftstellerinnern und Schriftsteller 2017 von Streeruwitz gehalten wurden, nachlesen. In fünf Vorlesungen macht sich Streeruwitz Gedanken zu feministischen und kapitalistischen Themen. Gedanken zur Organspende, Malina von Ingeborg Bachmann, ein Auszug aus ihrem Sci-Fi-Roman „Norma Desmond“, Walt-Disneys “Frozen” und im letzten Teil schließlich wenn Aliens Bücher schreiben. Ein Plädoyer zum Aufruhr.
  • Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, von Joachim Meyerhoff. Der dritte Roman der Buchreihe von Meyerhoff (siehe Review vom ersten Teil sowie Review vom zweiten Teil) erzählt auf 348 Seiten von Meyerhoffs Besuch der Schauspielschule und dem Leben in der Villa seiner Großeltern. Auch dieses Buch macht wieder verlässlich gute Laune und die Seiten flutschen nur so dahin, wunderbar.
  • Die Intelligenz der Maschinen, von Martin Ford. Für dieses Buch hat Martin Ford 23 der renommiertesten ForscherInnen rund um das Thema KI (Künstliche Intelligenz) interviewt.
    Die Fragestellungen und Ausführungen auf 526 Seiten geben einen Einblick in die Geschichte der KI und laden zum Nachdenken und Weiter-recherchieren ein. Es gibt in fast allen Interviews interessante Fakten oder Anregungen, besonders lesenswert fand ich aber die Interviews mit Judea Pearl und Josh Tenenbaum. Lesenswerte Lektüre für all jene, die sich für das Thema KI interessieren. (Das Buch gibt es übrigens im englischsprachigen Original unter dem Titel “Architects of Intelligence: The truth about AI from the people building it” bei Packt Publishing, ein Verlag den ich aber so gut es geht zu umgehen versuche und daher zur deutschsprachigen Ausgabe beim MITP-Verlag gegriffen habe.)
  • Künstliche Intelligenz, von Manuela Lenzen. Auf 252 Seiten gibt es einen gut zu lesenden Überblick zum Thema KI. Dieses Buch – das ich mir von der Stadtbibliothek Graz ausgeborgt habe – erwähnt übrigens auch die SmartCity Graz. Ein schönes Zitat von Frederick Jelinek (Leiter der Abteilung für Sprachverarbeitung und Übersetzung bei IBM) zum Thema Übersetzungsprogramme:

    Jedes Mal, wenn ich einen Linguisten feuere, verbessert sich die Spracherkennung.

    Es bleiben auch Phänome wie Uncanny Valley und die 23 Asilomar-Prinzipien nicht unerwähnt. Ein – besonders auch für Nicht-Techniker – sehr zugängliches Buch, das sich als Einstiegspunkt für weitergehende Recherchen eignet.

  • Die Zweisamkeit der Einzelgänger, von Joachim Meyerhoff. Der vierte Roman der Buchreihe von Meyerhoff, diesmal gibt es 416 unterhaltsame Seiten rund um seinen Besuch der Schauspielschule. Meyerhoff liefert erstklassige Unterhaltung wie ein Schweizer Uhrwerk.
  • Lebenswerk, von Alice Schwarzer. Ich wollte unter anderem verstehen, wo und wie der Konflikt zwischen Margarete Stokowski und Alice Schwarzer einzuordnen ist, und auf diesen 461 Seiten bin ich dem eventuell ein Stück näher gekommen. Besonders die ersten ~300 Seiten fand ich sehr anregend zu lesen, unter anderem war mir nicht bewusst, dass:

    Auch nach 1995 […] Abtreibung in Deutschland eine Straftat und die Schwangere zum Austragen verpflichtet ist.

    Es gibt auch viele Hintergrundinformationen zu bekannten (TV-)Interviews mit Schwarzer. Die letzten ~150 Seiten sind Schlüsseltexte Schwarzers von 1971 bis 2018, die veranschaulichen, wie vorausdenkend und pro­gres­siv Schwarzer dabei in vielen Themenbereichen war und ist. Erhellende Lektüre.

  • Der Ohrenzeuge – Fünfzig Charaktere, von Elias Canetti. Ein gutes ZÖK-Buch (Zähne putzen, Öffis, Klo), in dem Canetti feine Charaktere wie z.B. Tränenwärmer, Geruchschmale, Schadenfrische, Bitterwicklerin, Papiersäufer und den Nimmermuß auf 96 Seiten zum Leben erweckt.
  • Darf ich dir das Sie anbieten?, von Katharina Hacker. Ebenfalls ein feines ZÖK-Buch (Zähne putzen, Öffis, Klo), gibt es auf 112 Seiten anregende Minutenessays. Für Sprachverliebte, die fehlende Seitenzahlen als Feature und nicht als Bug betrachten.
  • Invent & Wander, von Jeffrey P. Bezos. Ein 357 Seiten dickes Buch das es bereits 2020 zu kaufen gab, aber in der deutschen Fassung “1. Auflage 2021” im Copyright-Hinweis anführt. Die 35 Seiten umfassende Einleitung von Walter Isaacson beinhaltet eine gute Zusammenfassung des darauf folgenden Inhalts. Im ersten Teil auf ~250 Seiten sind dabei die Briefe Bezos an die Aktionäre von Amazon zu finden, die wiederholt gleiche Themen aufgreifen und sich daher mit der Zeit immer stärker selbst wiederholen und re­fe­ren­zie­ren. Im Anschluss folgt auf gut 100 Seiten eine Auswahl aus Interviews mit und Reden von Bezos. Man erfährt mehr zur Sichtweise von Bezos auf Themen wie Innovation (Stichwort “It is always day one”), Mitarbeiterauswahl und wie weit Kundenorientiertheit gehen kann. Bisher unbekannt waren mir u.a. das japanische Wort Muda und Amazons “Pay to Quit” (Mitarbeitern wird Geld geboten damit sie kündigen). Entlarvend und passend zum Amazon-Kosmos sind dann aber wiederum Nebensätze wie:

    Wir haben […] die Pausenräume mit Stühlen ausgestattet.

  • Frausein, von Mely Kiyak. Eine fantastische Gesellschaftskritik auf schlanken 127 Seiten, die Themen wie Generationskonflikte, Gastarbeiterfamilien und Vater-Tochter-Beziehungen sehr gelungen in Worte packt. Lesenswert.
  • Alles kein Zufall, von Elke Heidenreich. Diese 273 Seiten aus Fischers Taschenbibliothek ergeben mit maximal 3-Seiten schlanken Geschichten das perfekte ZÖK-Buch (Zähne putzen, Öffis, Klo), das ich immer wieder gerne aus meiner Jackentasche genommen habe.
  • Die Richterin, von Lydia Mischkulnig. Der 289 Seiten umfassende Roman rund um Gabrielle erzählt von ihrem Alltag als Richterin, die über das Leben von AsylwerberInnen entscheidet. Ein schwieriges Thema sehr sensibel und klug verpackt, mit interessanten Fragestellungen rund um Entscheidungen die (über)lebensrelevant sein können. Sprachlich habe ich mich mit dem Stil – der wohl absichtlich an das Verwaltungsrecht bzw. die Judikatur angelehnt ist um authentisch zu wirken – ein wenig schwer getan, und für das Buch schlussendlich mehrere Anläufe gebraucht. Irritierend war zudem die Verwendung des abwertenden Begriffs Asylant (siehe Seite 204), bei dem ich mir nach wie vor nicht sicher bin, ob das wirklich so beabsichtigt war. Insgesamt aber trotzdem ein spannendes Buch, weil es zum Nachdenken über und die Bedeutung von Entscheidungen vielfältig und ohne moralischem Fingerzeigen einlädt.
  • Unrast, von Olga Tokarczuk. Reisephilosophie, Leiserust, Rastlosigkeit und irgendwie dann doch schwer zuordenbare Themen werden sprachlich klug auf 457 Seiten ausgebreitet. Die Titelseite – mit einem sehr gelungenen Cover – wirbt mit “Roman“, tatsächlich aber ist es eine Sammlung von Kurzgeschichten sehr unterschiedlicher Länge. Mit diesem Format habe ich mir nicht unschwer getan, speziell da die Geschichten für mich auch sehr unterschiedlicher Qualität sind. Wäre es nicht so sprachlich gelungen, hätte ich vermutlich schon früher aufgegeben. Sobald man sich aber auf das Format einlässt und in die Stimmung kippt, ergibt das Buch mit seinem unruhigen Stil ein spannendes Buch, das seinem Titel gerecht wird.
  • Nichts als die Wahrheit, von Michael Köhlmeier. Dieses 90 Seiten schlanke Buch ist im Verlag “Edition QVV” erschienen, dem Buchverlag von Quo Vadis Veritas, das als Medienmarke Addendum seit 2017 bekannt war und mit September 2020 leider eingestellt wurde. Daher an dieser Stelle kein direkter Link zum Verlag, sondern JFTR einfach nur die ISBN: 978-3-200-06674-8. Ich habe für mich Köhlmeier als wunderbaren Geschichtenerzähler entdeckt, und Köhlmeier enttäuscht auch hier in diesen 10 Geschichten rund um Lebenslügen und die Wahrheit nicht. Die Geschichten erschienen in den Addendum-Ausgaben in Kolumnen-ähnlicher Form, und waren dadurch vom Umfang her eingeschränkt und man findet den einen oder anderen Rechtschreib- und Grammatikfehler. Durch das Kolumnen-Format entfalten leider auch nicht alle Geschichten ihr volles Potential, wer das Buch aber als AbonnentIn von Addendum zugeschickt bekommen und die Geschichten bisher auch noch nicht in den Addendum-Ausgaben gelesen hat, möge dies nachholen.

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